Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) informiert ihre Mitglieder direkt, zielgruppenspezifisch und aktuell per Rundschreiben über relevante Neuerungen rund um die vertragsärztliche und psychotherapeutische Tätigkeit.

SARS-CoV-2: Update Impfaktion mit AstraZeneca

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

nachdem sich die Aufregung um unsere Urlaubsaktion ein wenig gelegt hat, möchten wir die Gelegenheit ergreifen, Ihnen unsere Beweggründe zu erläutern. Wir haben das ganz bewusst so im Vorfeld nicht getan, da so diese Aktion wahrscheinlich gar nicht mehr möglich geworden wäre. Oder wir hätten eine andere, auch nicht hilfreichere Diskussion erlebt.

Gleich vorweg: ein Opus von elf Seiten. Haben die, haben wir noch alle Latten am Zaun? Ja, haben wir. Kürzer geht immer. Aber in diesem Fall muss es einmal ausführlich sein. Und es soll Ihnen zeigen, dass hinter der Aktion sehr viel mehr steckt, als auf den ersten Blick erkennbar. Halten Sie die Aktion sowieso für sinnvoll, einfach hier aufhören zu lesen. Gehören Sie zu den Kritikern, dann geben Sie uns auch die Chance unsere Überlegungen einmal ausführlich darzulegen.

Zunächst, für die Aufregung möchten wir uns entschuldigen. Nach wie vor stehen wir aber zu dieser Aktion, zumal auch die Nachfrage da ist, und werden auch unten erläutern, warum.

Auf der anderen Seite ist die Aktion wahrscheinlich jetzt schon zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hat. Warum? Auch dazu gleich mehr. Hintergrund war unter anderem die massive Kritik, vor allem an den Hausärzten, sie würden AstraZeneca links liegen lassen, die angebotenen Mengen nicht verimpfen und wären zu bequem, den größeren Beratungsaufwand zu leisten, was dazu geführt hätte, dass bundesweit ein mittlerer bis hoher sechsstelliger Lagerbestand aufgelaufen wäre. Zudem wurde der schon etwas größere Aufwand in Beratung und Aufklärung bei Vaxzevria moniert. Auch wenn sich die Vorhaltungen nicht mit unseren Zahlen decken, war das doch ein Anlass, diese Aktion zu starten, die auf Menschen abzielt, die zum einen bereit sind sich mit Vaxzevria impfen zu lassen und bei denen es auch Sinn macht.

Schöner und praktischer wäre vielleicht auch Johnson & Johnson gewesen. Haben wir aber nicht im Ansatz einmal in ausreichender Menge und ist ja angeblich auch nicht der postulierte Ladenhüter, den wir angeblich nicht verimpfen würden, der uns aber großteils und komischer Weise nicht geliefert wird.

Sinn ist dabei ein ziemlich diffiziler Parameter. Das ist uns auch bewusst. Es gibt den individuellen Benefit einer Impfung, aber es gibt auch den kollektiven Gewinn einer möglichst breiten Immunisierung.

Nun gibt es aber zwei völlig neue Entwicklungen. Zum einen fehlt plötzlich Vaxzevria vielerorts und ab 7. Juni soll die Priorisierung für alle Impfstoffe fallen. Wer rechnen kann, bekommt seinen kompletten Impfschutz vor dem Urlaub also auch mit den mRNA-Impfstoffen, wenn er denn einen Impftermin bekommt. So wird es sicher in den Praxen noch schwieriger. Wir hatten uns hier auch im Vorfeld schon kritisch geäußert und darum gebeten, dass erst mit uns und den Verbänden abzustimmen.

Das Einzige, das wir uns hier jetzt aber wünschen, ist, dass man bei weiter begrenzten Impfstoffmengen, auch wenn für Juni deutlich mehr in Aussicht gestellt ist, neben den Menschen, die aus individuellen Gründen einen Impfschutz brauchen, auch das aus unserer Sicht mindestens so wichtige Ziel, gegen die Pandemie zu impfen und damit die Menschen, die für das Infektionsgeschehen von Bedeutung sind, nicht aus den Augen verliert.

Aber zurück zum Anfang unserer Aktion: In diesem Zusammenhang haben wir natürlich die Vor- und Nachteile abgewogen. Zunächst zu dem vier oder zwölf Wochen Problem. Zugegeben, die aktuelle Datenlage spricht eher für das Zwölf-Wochen-Intervall. Nun erleben wir aber seit Monaten, dass nichts kurzlebiger ist als die Studienlage zu den Impfstoffen. Auf Basis der letzten, noch vorläufigen Daten einer Phase-III-Studie, die in den USA durchgeführt wurde, liegt bei einem vierwöchigen Intervall zwischen den Impfungen der Schutz gegen eine symptomatische Erkrankung bei 76 Prozent, bei Älteren sogar etwas höher.

Zur Studie AZD1222 US Phase III primary analysis confirms safety and efficacy geht es hier.

Wir halten diese Studie für belastbar, da sie sich genau mit dem deckt, was wir in den Ländern sehen, die im großen Umfang mit AstraZeneca impfen und auch eine deutlich höhere Impfquote als Deutschland aufweisen (zum Beispiel England). Und warum sich alte Menschen hier in der Immunreaktion anders beziehungsweise besser verhalten sollten, erscheint auch nicht plausibel. Zudem gibt es noch einen weiteren Aspekt. Weder bei schwersten Verläufen, Re-Infektionen oder auch nur Hospitalisierungen sehen wir auf dieser Welt in Ländern, die intensiv mit AstraZenca impfen, irgendeinen Unterschied zwischen dem Vier- und dem Zwölf-Wochen-Intervall. Es gibt also einen funktionierenden Impfschutz auch nach vier Wochen. Wäre das anders, wäre da in Realität ein signifikanter Unterschied, hätte die European Medicines Agency (EMA) längst reagieren müssen. Fast möchte man meinen, es gäbe da einen kleinen aber feinen oder eher großen und unfeinen Unterschied zwischen der Welt der Ständigen Impfkommission (STIKO) und der Welt, in der wir leben und in der geimpft wird … Damit wäre nun eine Impfung im Vier-Wochen-Intervall auch aus Gründen der Wirksamkeit möglich. Und damit war für uns auch die Wirksamkeit für unsere Aktion gewährleistet. Wir erkaufen uns das alles eben nicht auf Kosten des Impfschutzes.

Es wundert übrigens, dass diese Studie in allen Foren und Medien, die sich hier zu Kommentaren berufen fühlten, mit keinem Wort erwähnt wurde, obwohl unter anderem die FAZ in ihrem Artikel „Wann ist die beste Zeit für Dosis zwei?“ berichtet hat. Hier droht übrigens für alle Experten neues Unheil. Plötzlich soll BioNTech – da mehren sich erste Gerüchte – jetzt auch zwölf Wochen nach der Erstimpfung höhere Antikörpertiter aufweisen als nach vier Wochen. Oje …

Oder hängt das etwa damit zusammen, dass das Eintreffen ewig fließender Impfstoffströme irgendwie alle ein bis zwei Monate um immer wieder ein bis zwei Monate verschoben wird und wir dann demnächst BioNTech auch erst nach drei Monaten zweitimpfen. Natürlich nur aus wissenschaftlichen Gründen. Nur gut, dass das Intervall bis zur Erstimpfung wenigstens gleich bleibt. Von heute bis irgendwann.

Damit bekommt das AstraZeneca-Intervall aber wieder eine neue Bedeutung im gesellschaftspolitischen Kontext. Der Vorschlag für einen schnelleren Abschluss des Impfschemas mit AstraZeneca ist hier dann auch vor dem Hintergrund zu betrachten, dass Kontaktbeschränkungen und andere Maßnahmen für vollständig Geimpfte aufgehoben werden könnten. Ja, solche Entscheidungen sind politisch, wie aber faktisch alle Entscheidungen der letzten 15 Monate. Ob man das nun will oder nicht.

Gerade junge Menschen, die bei geringem individuellem Risiko mit die höchsten Einschränkungen geschultert haben, hatten bisher kaum Chancen, solche etwaigen Freiheiten zeitnah zurückzugewinnen. Nun geht es bei diesen Freiheiten nicht nur um eine abstrakte Diskussion im Bereich der Grundrechtseinschränkung. Jeder, der sich mit der aktuellen Situation in der Versorgung konfrontiert sieht, spürt und erlebt, welche Auswirkungen das Ganze insbesondere auf die seelische Gesundheit unserer Patienten hat. Die Situation ist gelinde gesagt dramatisch. Insbesondere auch unsere Kinder und Jugendlichen sind hier an der oder zum Teil über der Belastungsgrenze. Insofern betrachten wir in dieser Situation den Urlaub, eine Urlaubsreise mit der Familie, alleine oder mit dem Partner als deutlich mehr, als nur ein fakultatives Freizeitvergnügen. Wenn dieser Urlaub von uns als Medizinern, von einer Impfung, ja auch von einer vollständigen Impfung abhängt, dann sollten wir uns fragen, ob wir hier nicht als Urlaubsermöglicher gefordert sind. Wir haben die Frage für uns eindeutig mit Ja beantwortet. Es ist sogar so, dass das im Moment einzig von uns abhängt. Also wer, wenn nicht wir?

Umso weniger verstehen wir, wenn man zwischen ärztlicher Tätigkeit und Urlaub, dem Wunsch der Menschen nach ein wenig mehr Normalität, nach einer Atempause, einen Widerspruch konstruiert. Aber auch hier gilt: Entscheiden muss das jeder für sich.

Wir respektieren auch die Position, dass man gegen eine individuelle Rückgabe der Grundrechte ist, solange das Kollektiv nicht komplett geimpft ist, auch wenn manche diese Diskussion in den Kontext der Schlagworte Impfneid, Lockerungsneid, Urlaubsneid einordnen. Ob wir das aber in 2021 überhaupt und in 2022 unter der Annahme, dass es dann wahrscheinlich Nach- und Auffrischungsimpfungen braucht – dazu später mehr –, erreichen, kann man doch sehr bezweifeln.

Dabei kommen wir nicht umhin, dass wir akzeptieren müssen, dass unsere Tätigkeit niemals mehr gesellschaftspolitisch im Fokus stand und steht als in der aktuellen Phase. Das spiegelt auch der Entwurf des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) „Zuversicht und Umsicht kombinieren – Perspektiven nach dem „Brückenlockdown“ wider.

Nun kann man sich hinstellen und sagen: „Interessiert mich als Arzt nicht, auch wenn ich selber betroffen bin. Und was meine Patienten angeht, das ist deren Privatsache.“ Folgt man dem, dann gibt es eigentlich zu einem kompletten Impfschutz im Sommer keine wirkliche Alternative. Denn für Flugreisen aus dem Ausland wird – mit Ausnahme von vollständig geimpften und genesenen Personen – die geltende Verpflichtung, dem Beförderer vor Abflug ein aktuelles negatives Testergebnis nachzuweisen, mindestens bis zum Beginn oder Ende der Sommerferien 2021 verlängert. Die darüber hinaus geltenden Test- und Quarantäne-Verpflichtungen bei der Einreise aus Risikogebieten und Hochinzidenzgebieten werden bis auf weiteres verlängert, entfallen jedoch für asymptomatische vollständig geimpfte und genesene Personen. Die bestehenden Auflagen für Einreisen aus Virusvariantengebieten werden für alle Personen bis auf weiteres verlängert. Nicht zwingend notwendige Reisen außerhalb der Europäischen Union (EU) gilt es weiterhin zu vermeiden. Bei Einreisen aus Hochinzidenzgebieten kann eine „Freitestung“ aus der Quarantäne durch einen frühestens fünf Tage nach Einreise durchgeführten negativen Test beendet werden. Für Einreisen aus Virusvariantengebieten besteht keine Möglichkeit, die Quarantänedauer zu verkürzen. Sie beträgt hier stets 14 Tage.

Da wir alle nicht wissen, wie sich die Risikogebiete und die Hochinzidenzgebiete im Sommer entwickeln werden, bedeutet das für jeden, der nicht vollständig geimpft ist, ein Risiko auf Quarantäne, ein Vabanque-Spiel, faktisch eine völlige Unsicherheit. Denn eine Flugreise aus dem Ausland ist auch der Rückflug nach Deutschland. Und so funktioniert dann eben eine Reise mit Erstimpfung und Test nur bedingt gut oder besser gesagt gar nicht.

Wenn zudem die Verkürzung des Abstands zwischen den Impfdosen dazu führen würde, dass mehr Zweitimpfungen aufgenommen werden, dann kann diese Maßnahme auf Populationsebene sinnvoll sein, auch wenn das längere Impfintervall auf Individualebene womöglich besser wäre. Natürlich kann man hier auch eine höhere Evidenz einfordern. Dafür fehlt aber aus unserer Sicht leider die Zeit.

Es spricht vieles dafür, dass wir jetzt also nur eine Atempause haben. Gesetzgeberische Maßnahmen hin oder her. Schauen wir uns den Zeitraum in der erste Welle zwischen den Kalenderwochen 14 und 25 in 2020 an, sehen wir einen sehr ähnlichen Kurvenverlauf, natürlich auf einem jetzt höheren Niveau.

Sicher kann man auch dagegen argumentieren. Für die Impfstrategie wäre die Verkürzung der Impfabstände der falsche Schritt. Damit würden weniger Personen einen frühen Immunschutz durch die erste Impfung bekommen. Und gerade jetzt müssen wir noch viele Personen mit Vorerkrankungen durch eine Impfung schützen, um die Folgen der dritten Welle abzumildern. Im Sommer haben wir genügend Zeit, uns um die Zweitimpfungen zu kümmern, die natürlich absolut notwendig sind. Wir sehen das nicht so!

Eine Frage oder besser die Antwort, die letztendlich davon abhängt, ob wir im Sommer wirklich genug Impfstoff haben. Eigentlich sollte es jetzt ja schon besser aussehen. Wir vertrauen hier, auch wenn man das sehr wohl kritisieren kann, den Zusagen. Die Alternative, der Impfstoffmangel hält auch noch im Juli und August an, ist so oder so fatal. Ob wir jetzt im Vier-Wochen-Abstand vollständig impfen oder weiter den Fokus auf die Erstimpfungen legen. Wenn wir im Sommer nicht genug Impfstoff haben, werden wir zwar weiter Menschen haben, die einen individuellen Impfschutz besitzen, aber wir werden keine ausreichende Immunisierung in der Bevölkerung haben, die uns vor einer weiteren Welle schützt. Mengenmäßig spielen dann die jetzt vorzeitig durchgeführten Zweitimpfungen auch keine Rolle, denn diesen Impfstoff brauchen wir dann so oder so, nur eben acht Wochen später. Oder gar nicht mehr für die Zweitimpfungen, bei all denen, die jetzt heterolog geimpft werden sollen. Wir nehmen dann also niemandem, der einen individuellen Impfschutz braucht, den Impfstoff weg.

Ein weiterer Aspekt ist sicher sehr kritisch zu thematisieren, da er leicht missverstanden werden kann. Man kann das vielleicht unter dem Aspekt Impfen gegen die nächste Welle oder besser gegen fokale, örtliche Ausbrüche, zusammenfassen. Und genau hier liegt aus unserer Sicht auch ein ganz wesentliches Problem der gegenwärtigen Impfkampagne. So richtig und erfolgreich die Phase eins in den Senioreneinrichtungen war, so sehr haben wir danach kritisiert, dass man das Augenmerk zu sehr auf diesen Teil oder analoge Teile der Bevölkerung gelegt hat. Man hat immer nur das individuelle Risiko im Auge gehabt. Auch bei der Bewertung der Chancen und Risiken der Impfstoffe.

Die folgenden Wochen haben uns leider Recht gegeben. Man hat die Menschen, die individuell ein hohes Infektionsrisiko haben und für die Übertragung des Virus von zentraler Bedeutung waren und sind, nie wirklich in den Fokus genommen.

Wir haben Ihnen in unserem Rundschreiben deswegen eine Tabelle mitgeschickt, die Sie bei der Bewertung des individuellen Risikos einer Coronainfektion gegenüber der Impfung mit AstraZeneca unterstützen soll. Dabei zielt diese auf das individuelle Risiko ab, das aus dem familiären, beruflichen und sonstigen sozialen Umfeld resultiert. In Einzelfällen kann sich das deutlich durch eine Urlaubsreise oder den Besuch von Verwandten im Ausland verändern. Das Thema Reiserückkehrer ist uns allen ja noch aus 2020 gut in Erinnerung.

Kommen wir zu einem weiteren Aspekt, den wir ebenfalls als relevant ansehen. Auch wenn wieder einmal Umfragen eine gestiegene Impfbereitschaft suggerieren, haben wir immer noch das Problem, dass Menschen, die für das Infektionsgeschehen womöglich entscheidender sind als andere, nicht immer die sind, die auch eine hohe Impfbereitschaft aufweisen. Dabei sind die Motive höchst unterschiedlich. Viele junge Menschen fühlen sich zum Beispiel nach wie vor von Corona wenig bis gar nicht bedroht, haben aber eine durchaus relevante Rolle durch die – dann auch noch im Urlaub – größere Anzahl von Sozialkontakten. Hier bedarf es etwas anderer Überlegungen, um zum Impfen zu motivieren.

Amerika macht uns das deutlich. Von finanziellen Incentivs einzelner Firmen bis zur Fast Food Kampagne in New York findet sich alles, um diese Menschen zu erreichen. Das können wir diesen Menschen in unseren Praxen nicht bieten. Den digitalen Impfnachweis und die damit verbunden Erleichterungen sehr wohl. Aus unserer Sicht sollten wir das als Impfmotivation nutzen.

Dazu kommt, dass wir hier eigentlich die Menschen ansprechen wollen, die sich bewusst für AstraZeneca entscheiden. Wohlwissend, dass bei unsicheren Menschen ein deutlich erhöhter Beratungsaufwand da ist, der auch nicht wirklich abgegolten ist.

Dann noch etwas zum Zeitfenster: Wir alle wissen, dass die hessischen Sommerferien am 19. Juli 2021 beginnen. Damit ist der kritisierte Vier-Wochen-Zeitraum aber überhaupt nur für die Menschen von Relevanz, die gleich am Anfang der Sommerferien verreisen wollen. Kritisch sehen wir bei diesen Menschen die sicher nicht schlechte Idee mit einer Erstimpfung und Bescheinigung in den Urlaub zu fliegen auch deswegen, weil die Menschen, die sich primär aus genau diesen Gründen, also um in den Urlaub zu fahren oder zu fliegen, impfen lassen, nicht unbedingt die sind, von denen wir erwarten, dass sie dann zwölf Wochen später, also nach dem Urlaub zur Zweitimpfung kommen. Jeder der zu einem späteren Zeitpunkt verreist, kann im Übrigen ein längeres Intervall zur Zweitimpfung erhalten. Überhaupt ist es nach wie vor eine persönliche Entscheidung, welchen Weg sie gehen. Und wenn unsere Aktion, das haben wir auch überlegt und bewertet, dazu führt, dass diese Menschen wenigstens für die Erstimpfung in die Praxis kommen, dann haben wir hier auch einen individuellen und kollektiven Gewinn.

Eine weitere Überlegung unsererseits bezieht sich auf die Frage der Mutationen. Ganz sicher kann man nur sagen, dass uns alle Impfstoffe jetzt helfen. Deswegen gilt es auch, jetzt zu impfen. Leider haben wir auch hier wieder die Frage, ob nur Erstimpfungen oder eher jetzt vollständig impfen?

Trefflich kann man für beide Ansätze Argumente finden. Passive Immunität ist da ein gerne verwendeter Begriff. Diese werden wir aber so oder so nicht erreichen. Durch eine reine Erstimpfung vor dem Urlaub genau so wenig, wie durch eine Impfung nach vier oder zwölf Wochen.

Klein, aber doch extrem spannend ist dabei zum Beispiel die Republik Seychellen. Laut Auswärtigem Amt sind die Seychellen von COVID-19 derzeit sehr stark betroffen. Die Zahl der Neuinfektionen überschreitet 200 Fälle pro 100.000 Einwohner auf sieben Tage, weshalb die Seychellen als Gebiet mit besonders hohem Infektionsrisiko (Hochinzidenzgebiet) eingestuft sind. Was läuft da schief? Immerhin sind dort 71,4 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft, 62,9 Prozent sind zweimal geimpft. Verwendet wird Sinovac oder, wie Sie vermuten oder wissen, Vaxzevria.

Für die Neuinfektionen ist faktisch zu 100 Prozent B.1.671 verantwortlich. Und rund ein Drittel der Neuinfizierten ist, Sie ahnen es schon, geimpft. Das Gute ist, dass es bei diesen Zweitinfektionen faktisch keine Hospitalisierung gibt. Das Schlechte ist, passive Immunität werden wir mit Vaxzenvria durch die Mutationen so oder so nicht erreichen. Egal, ob wir nach vier oder zwölf Wochen impfen. Auch in England deutet sich im Übrigen ein ähnliches Bild an.

Diese Mutation steht auch in Kontinental-Europa vor der Tür. In England haben wir bereits gehäuft fokale Ausbruchsgeschehen und wir werden sie auch nicht von Deutschland abhalten können. In Frankfurt wurde sie auch bereits mit steigender Tendenz nachgewiesen.

Aktuell sieht es noch gut aus. So schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) noch vor wenigen Tagen:

Auf momentan sehr niedrigem Niveau beobachtet das Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland einen wachsenden Anteil der in Indien entdeckten Corona-Variante. Die Mutante B.1.617 sei bisher nur in wenigen Proben nachgewiesen, »aber ihr Anteil stieg in den letzten Wochen stetig an«, heißt es in einem RKI-Bericht vom Mittwochabend. B.1.617 macht derzeit weniger als zwei Prozent der untersuchten Proben aus (Untervariante B.1617.1: 0,6 Prozent; B.1617.2: 0,9 Prozent). Das RKI betont, dass die absoluten Zahlen der Nachweise in der Woche vom 26. April bis 2. Mai 2021 lediglich im zweistelligen Bereich lägen: bei gut 30. In Deutschland wird ein deutlich kleinerer Teil der Proben auf Varianten untersucht als in Großbritannien.

Schultze sagte zur Situation in Deutschland: »In den vergangenen drei Wochen kam es zu einem starken Anstieg, der ähnlich steil wie im Vereinigten Königsreich erscheint.« Mit zwei Prozent sei der Anteil von B.1.617 bereits höher als der der Varianten, die zunächst in Südafrika oder Brasilien nachgewiesen worden waren.

Doch was ist bislang über die neue Variante bekannt? »Erste, noch nicht durch ein Peer-Review überprüfte, wissenschaftliche Berichte deuten darauf hin, dass für die zugelassenen Impfstoffe kein Immune Escape besteht«, sagte Schultze. Das ergab zum Beispiel eine Untersuchung indischer Forscher mit Seren von Genesenen und Geimpften. Eine Studie von Forschern aus Göttingen ließ aber eine gewisse Immunflucht erkennen und wies zudem auf eine erhöhte Infektiosität der Variante hin. »Gleichzeitig deuten erste funktionelle Untersuchungen auf eine höhere Pathogenität der Variante B.1.617 hin«, sagte Schultze. Dies müsse noch weiter abgeklärt werden.

Und was haben wir seit dem 18. Mai 2021? Zwei fokale Ausbrüche mit knapp 200 Menschen in Quarantäne. Es ist also nur eine Frage der Zeit.

Aus unserer Sich heißt das, dass uns mit Vaxzevria weiter ein guter Impfstoff zur Verfügung steht, der uns aber, bei den anderen Impfstoffen wird man das sehen – die B.1.671-Varianten werden sicher nicht die letzten sein –, sicher nur jetzt hilft und mit dem wir jetzt vollständig impfen müssen. Natürlich gibt es in Deutschland auch schon wieder einen singulären Pseudoexperten, der das alles schon weiß. Fragt sich nur, warum denn dann alle Hersteller schon an Studien und Updates ihrer Vakzine arbeiten.

Nun können Sie mit Recht kritisieren, dass wir diese Diskussion mit Ihnen nicht im Vorfeld geführt haben und dass wir all diese Gründe auch nicht in unserem Rundschreiben dargelegt haben. Wäre die Urlaubskampagne dann aber überhaupt möglich geworden?

Zum einen, ganz plakativ, leider hat dafür die Zeit nicht ausgereicht. Und jeder, der über den eigentlichen Empfängerkreis hinaus dieses Schreiben liest, kann uns, wenn man das so will, genauso gut vorwerfen, dass wir mit Urlaub und mit dem digitalen Impfnachweis nur die bisher impfunwilligen Menschen in die Praxen locken wollen, um Vaxzevria loszuwerden. Es hätte auch nicht die Zahl der Kritiker verringert und mancher, der immer die Chance wittert, sich hier gegen die KVH einmal so richtig in Stellung zu bringen, hätte auch nicht geschwiegen.

Es geht also um den Urlaub, den digitalen Impfnachweis, die Rückgabe von Freiheiten, die Herdenimmunität, die Abwägung eines individuellen Schutzes bei Risikopatienten gegenüber dem Impfen gegen die Pandemie. Je nachdem wo man die medizinische, politische, epidemiologische oder wie auch immer hergeleitete Priorität setzt, kann man jedes Vorgehen gut oder schlecht heißen. Das war uns bewusst. Und auch die Reaktionen in einschlägigen Foren oder der Lokalpresse, haben wir, auch von der Diktion her, daher vorausgesehen.

Man kann also sagen: Wie man es in so einer Situation auch macht, man macht es immer falsch und daher macht man besser gar nichts. Oder man ist davon überzeugt und macht etwas, auch wenn einem dann, in diesem Fall auch vielfach weit unter der Gürtellinie, Gegenwind bis hin zur Diffamierung von fachärztlichen Kolleg*innen, die angeblich eh schon jeden impfen, entgegenschlägt. Da „lauterbacht“ es in manchen Köpfen schon recht heftig. Sie erinnern sich sicher an die Unterstellung, man dürfe die Regelversorgung nicht impfen lassen, da wir zuerst unsere Golf- und Tennisclubs impfen würden.

Zum Schluss: Haben wir jetzt diesen Impfstoff wirklich verbrannt? Naja, mancher hat wohl nicht wirklich mitbekommen, was da in den vergangenen Wochen und Monaten passiert ist. Nur so kann man das vielleicht glauben oder schreiben.

Sie erinnern sich. Erst die EMA-Zulassung für alle, dann in Deutschland nicht unter 60, dann ein erratischer dreitägiger Impfstopp, dann die Priorisierung der Erstimpfungen und damit die Verlängerung, nein eigentlich keine Verlängerung, sondern das maximale Ausschöpfen des Intervalls bis zur Zweitimpfung. Viele von Ihnen haben das dann auch gut gegenüber ihren Patient*innen mit der damaligen Datenlage zur besseren Immunantwort nach zwölf Wochen gegenüber vier Wochen begründen können. In dem Zusammenhang möchten wir auch noch mal betonen, dass „unsere“ vier Wochen immer noch oder besser schon immer der EMA-Zulassung entsprechen. Dann die Kehrtwende, nur noch über 60 zu impfen und bei Jüngeren nur nach individueller Aufklärung und Risikoabschätzung, was man sowieso bei jedem Impfstoff und bei jeder Impfung machen muss. Dann die Aufhebung der Priorisierung, die jetzt ab 7. Juni  2021 auch noch für alle Impfstoffe kommen soll und dann das herterologe Impfschema. Dazu das Hickhack um Lieferungen, Verträge, etc. Und alles ist politisch entschieden worden.

Das Einzige, was in dem Zusammenhang tatsächlich noch Bestand hat, ist das Festhalten an der Empfehlung nach zwölf Wochen die Zweitimpfung zu machen, die aber initial nichts anderes war, als die politische Umsetzung der Erstimpfungspriorisierung. Dazu, wie gesagt, noch die Empfehlungen der durch wissenschaftliche Studien bisher noch nicht und initial nur durch wissenschaftstheoretisch hinterlegte Empfehlung zu heterologen Impfung bei Menschen unter 60. Hier wird übrigens gerade eine Vorabinfo aus Madrid gefeiert, während unsere zitierte Phase-III-Studie offenbar ignoriert werden muss, wenn sie dieser Linie nicht gefällt. 

Was sagt Doccheck übrigens im Moment noch so schön dazu:

Astra plus Biontech: Impf-Mix für Hartgesottene. Wer mixt, kann mit spürbar mehr Nebenwirkungen rechnen. Das zeigen erste Daten zum heterologen Booster bei COVID-19-Impfungen.

Und fragt zugleich: Ob das auch mit mehr Effektivität belohnt wird?

Und das, wo wir sehen, dass die gefürchteten Nebenwirkungen nach der homologen Zweitimpfung mit Vaxzevria wohl nicht mehr auftreten.

Apropos Nebenwirkungen: Wir haben hier für Sie noch einmal das Thema in drei Papers aufgearbeitet. Kurz und knapp, aber ausführlich genug. Zum Lesen in den Abendstunden.

Merkblatt Thrombosen Verktorimpfstoff kurz

Merkblatt Thrombosen Verktorimpfstoff lang

Patientenmerkblatt Vektorimpfstoff

So gesehen wundert es nicht, wenn man wenigstens jetzt einmal mit seinen Empfehlungen nicht schon wieder mal was Neues oder wieder Altes formuliert.

Und dann kommt unsere Urlaubsaktion und der Impfstoff hat plötzlich seinen guten Ruf verloren. Die Tatsache, dass AstraZeneca jetzt im Pharmagroßhandel durch Ihre Tätigkeit und die offensichtlich deutlich gestiegene Nachfrage, ob das nun an unserer Urlaubsaktion liegt oder nicht lassen wir jetzt einfach mal dahingestellt, spricht jedenfalls für sich, spricht für Sie!

Auf jeden Fall stehen, und das ist sicher auch ein angenehmer Nebeneffekt, vor allem die Hausärzte jetzt nicht mehr im Fokus der Kritik, sie würden sich bei Vaxzevria wegducken. Schauen wir also mal, ob wir nun diese Aktion nicht doch zu einem gemeinsamen Erfolg bringen. Die Nachfrage ist ja bereits jetzt an vielen Orten richtig gut.

Auch die Tatsache, dass in der Regelversorgung in Hessen inzwischen mehr geimpft wird als in den Impfzentren scheint nicht jedem zu gefallen, spricht aber auch für Sie! Und wenn wir dadurch noch mehr impfen. Ja, trau, schau, wem.

In diesem Sinne noch einmal: Es tut uns leid, wenn wir hier Verwirrung gestiftet haben und der eine oder andere sich wirklich auf dem falschen Fuß erwischt fühlt.

Mit besten kollegialen Grüßen, Ihre

Frank Dastych
Vorstandsvorsitzender

Dr. med. Eckhard Starke
stv. Vorstandsvorsitzender

zuletzt aktualisiert am: 19.05.2021

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