Ein Mann bedient eine professionelle Kamera. Im Bildschirm der Kamera ist eine Pressekonferenz zu sehen.

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) informiert Medienvertreter direkt und aktuell über relevante Neuigkeiten rund um die ambulante Versorgung in Hessen – durch Pressemitteilungen und -konferenzen.

Psychotherapie: Qualitätssicherung ja, aber nur mit Augenmaß

Die Vertreter der in Hessen niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten fordern den Gesetzgeber auf, Überlegungen zu einer vermeintlichen und zusätzlichen Qualitätssicherung in der Psychotherapie zu überdenken. In einer am 11. Dezember 2021 mit großer Mehrheit verabschiedeten Resolution heißt es:

„Der Gesetzgeber hat in § 136a Abs. 2a SGB V den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) beauftragt, ein einrichtungsübergreifendes Qualitätssicherungsverfahren für die ambulante Psychotherapie zu entwickeln. Der G-BA seinerseits hat diese Entwicklung dem Institut für Transparenz und Qualität im Gesundheitswesen (IQTiG) überantwortet.

Wir Ärzte, Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten bekennen uns ausdrücklich zu Qualitätsförderung und Qualitätssicherung als Elemente unseres professionellen Selbstverständnisses. Wir sehen aber mit Sorge, dass nunmehr die Entwicklung eines bürokratischen Ungetüms droht, das erheblichen Aufwand für die Behandelnden verursachen würde, was zulasten der Behandlungszeit ginge. Der Nutzen für Patientinnen und Patienten wäre dann mehr als fraglich.

Folgende Bedingungen werden deshalb bei der Entwicklung dieses zusätzlichen Instruments der Qualitätssicherung als unabdingbar angesehen:

  • Der Dokumentationsaufwand muss auf ein vernünftiges Maß beschränkt bleiben, um die Versorgung der Patientinnen und Patienten nicht zu gefährden. Die Sicherheit der Daten der Patientinnen und Patienten muss umfassend gewährleistet sein. Der sichere und geschützte Rahmen einer Therapie darf nicht gefährdet werden.
  • Es darf nur dort eine erweiterte Dokumentation verlangt werden, wo diese nachweislich der Qualitätsverbesserung dient.
  • Dafür muss die Zahl der Qualitätsindikatoren möglichst gering gehalten werden. Es sollte Ziel sein, nur wenige valide und reliable Indikatoren, die die Versorgungsqualität auch wirksam abbilden, zu benennen.
  • Das Qualitätssicherungsinstrument muss vor der Einführung seinen Nutzen für eine tatsächliche Verbesserung der Qualität in einer Phase der sorgfältigen Evaluation belegen, und auch im Anschluss muss in regelmäßigen Abständen evaluiert werden. Der nachzuweisende Nutzen muss den hohen Aufwand rechtfertigen.
  • Wenn der Nutzen des gesamten Verfahrens nicht (mehr) nachgewiesen werden kann, muss es gestoppt, wenn einzelne Indikatoren sich als nicht nutzbringend erweisen, müssen diese gestrichen werden (Aussetzungskriterien). 
  • Stichprobenerhebungen sind gesetzlich vorgesehen (§ 299 Abs. 1 Satz 4 SGB V) und damit umzusetzen. Vollerhebungen werden abgelehnt, da sie mit erheblichem bürokratischem Aufwand riesige Datenmengen generieren würden, die nicht der Transparenz in der Versorgung und auch nicht der Qualitätsverbesserung dienten. Es sind zwingend die Vorgaben der DSGVO zur Datensparsamkeit und Zweckbindung bei der Erhebung von Daten zu berücksichtigen.
  • Das Qualitätssicherungsinstrument muss die Qualität der Behandlung fördern; die Ausrichtung auf sanktionierende und kontrollierende Maßnahmen steht im Widerspruch zu einem fördernden und motivierenden Klima der Qualitätsförderung. Die von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten schon immer genutzten Instrumente der Qualitätszirkel sowie der Inter- und Supervision unterstützen die intrinsische Motivation. Sie müssen fortbestehen und ihre Anwendung muss gefördert werden. Ihre Nutzung gehört zum professionellen Selbstverständnis der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten.
  • Ein öffentliches Ranking von Psychotherapiepraxen wird abgelehnt. Psychotherapeutische Prozesse sind hoch individuell, die Passung zwischen Patientinnen und Patienten und Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten spielt eine zentrale Rolle. Dies kann niemals über ein Benchmarking abgebildet werden. Dieses würde Patientinnen und Patienten keinerlei Hilfestellung bei der Auswahl von für sie passenden Behandelnden geben.
  • Ein Benchmarking erzeugt Druck auf die Behandelnden und kann in der Folge zu Selektionsprozessen zum Nachteil von Patientinnen und Patienten mit schwierigen Behandlungsverläufen und schlechterer Prognose führen. Dies würde mit einer Verschlechterung der Versorgung einhergehen.

Unsere grundsätzlichen Aussagen zur sektorenübergreifenden Qualitätssicherung (sQS) betreffen alle Fachgruppen.

Die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) fordert die Politik auf, diese Bedenken zu berücksichtigen und in diesem Sinne auf den Prozess der Entwicklung des Qualitätssicherungsinstruments einzuwirken. Gegebenenfalls muss gesetzlich nachgebessert werden. Die neue Bundesregierung hat es in der Hand, einen hier in die falsche Richtung fahrenden Zug nicht nur aufzuhalten, sondern in eine andere, sinnvolle Richtung zu lenken!

 

 

zuletzt aktualisiert am: 13.12.2021

Ansprechpartner

Karl Matthias Roth

Kassenärztliche Vereinigung Hessen
Stabsstelle Kommunikation
Pressesprecher

Europa-Allee 90
60486 Frankfurt

karl.roth(at)kvhessen(.)de

Ansprechpartner

Alexander Kowalski

Kassenärztliche Vereinigung Hessen
Stabsstelle Kommunikation
stv. Pressesprecher

Europa-Allee 90
60486 Frankfurt

alexander.kowalski(at)kvhessen(.)de

Ihre Downloads ()

Ihre gesammelten Downloads können Sie jetzt komfortabel mit einem Klick herunterladen.

Alle herunterladen