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Gedanken zum gesellschaftlichen Lockdown

von Dr. med. Eckhard Starke, Palliativmediziner und Ethikberater im Gesundheitswesen, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KVH.

Wenn Lockerung Isolation verschlimmert

Über das menschliche Miteinander in Zeiten der CoVid 19-Infektion wird derzeit viel nachgedacht. Vorrangig jedoch aus der Perspektive der Entscheider. Alte, Demente und auch Kinder haben keine Stimme im aktuellen Lockdown-Mainstream. Doch ist das richtig?

Obwohl sich die Ausbreitung eines bisher unbekannten Virus schon länger andeutete und Wissenschaftler Jahre vorher ein ähnliches Szenario beschrieben und veröffentlichten, rollte nach angstvollen Berichten aus China und Italien eine Welle teils von Panik beeinflusster Entscheidungen über unser Land.

Darwinismus im Meinungskampf

Längst hat die persönliche und öffentliche Diskussion um geeignete Maßnahmen zur Abwehr die sachliche und wissenschaftliche Ebene verlassen, längst melden sich aus sehr unterschiedlichen Berufsgruppen Menschen zu Wort, die weder durch ihre Ausbildung noch durch ihre berufliche Tätigkeit als Fachleute zum Thema Infektionsausbreitung, Infektionsverhinderung oder in der Gesundheitsversorgung und Betreuung von Menschen aufgefallen noch in besonderer Weise in der Vergangenheit auf diesen Gebieten tätig waren. Längst geht es privat und in der Öffentlichkeit nicht mehr darum, wissenschaftliche oder durch eine besondere Erfahrung geprägte Erkenntnisse gegeneinander abzuwägen, sondern darum, seine eigene Meinung den jeweils anderen aufzuzwingen.

Darwin hatte schon die Durchsetzungskraft des Stärkeren beschrieben, Religionen und unsere sozialen Gesellschaftsformen haben versucht, dem Schwächeren beizustehen. Und dieser Beistand sollte auch in Zeiten einer gesundheitlichen Krise beachtet werden, in Zeiten, in der sich jeder über das Internet stündlich über Verlaufsformen, Zahlen und Meinungen informiert, selbst Angst oder eine gewisse Panik entwickelt. Was geschieht eigentlich mit uns heute und wie gehen wir miteinander um?

Darf der Staat Menschen einsperren, ohne dass sie eine Gefahr für sich oder andere sind?

Da diskutieren Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen, Juristen und Ethiker, über Verfahrensweisen bei der Behandlung von schwer Erkrankten, erlauben unter bestimmten Bedingungen auch den Abbruch einer medizinisch indizierten Maßnahme zu Gunsten eines Anderen, der möglicherweise mehr davon profitieren könnte. Da werden von Staatswegen Menschen isoliert, ja sogar nahezu eingesperrt und es kommt schon zu gegenseitigen Vorwürfen oder aggressiven Handlungen, wenn jemand nicht das tut, was dem Anderen falsch erscheint. Das betrifft einfache Regeln wie die Einhaltung des Abstands genauso wie das Tragen von Masken oder Handschuhen bis dahin, dass denen der Vorwurf gemacht wird, Regeln nicht einzuhalten, die lediglich im jeweils eigenen Interpretationsspielraum begründet sind: weil man alt ist, darf man nicht einkaufen, weil man Kind ist, darf man nicht zu den Großeltern, weil man in einem Pflegeheim wohnt, darf man behandelt werden, wie einer, der gerichtlich zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Allerorten wird im Moment die Disziplin gelobt, mit der die Menschen die harschen, aktuellen Regeln befolgen. Doch ich möchte den Blick auf einen anderen Aspekt lenken. Es ist richtig, dass das augenblickliche Tolerieren dieser Regeln viel über unsere Gesellschaft sagt. Genauso sollte man aber auch fragen, was mit einer Gesellschaft passiert ist, die hier ein Recht des Stärkeren, des Jüngeren, des Gesünderen zulässt und ganz offiziell die Schwächeren an den Rand drückt. Warum lassen wir es zu, dass Menschen, die nur noch eine beschränkte Lebenserwartung haben, die gerade jetzt die Nähe ihrer Familie benötigen, in die Isolation gedrängt werden mit wissenschaftlichen Erklärungen und juristischen Begründungen? Wir fragen nicht einmal, ob es den Großeltern darum geht, ihr Leben schützen zu wollen oder lieber trotz der Gefahr, infiziert zu werden mit der Möglichkeit einer lebensbeendenden Komplikation mit ihren Angehörigen und Enkelkindern zusammen sein zu wollen. Weil ihnen dazu auch nicht mehr viel Zeit verbleibt. Wir fragen auch nicht danach, wie sich in der von Erwachsenen gemachten panischen Angst vor Krankheit die Kinder fühlen müssen, die als Überträger eines Virus ihre geliebten Großeltern angesteckt haben und möglicherweise Schuld an Krankheit und Tod sind. Auch sie gehören zu den Schwachen, die gar nicht verstehen, was jetzt passiert.

Unsere Gesellschaft braucht nun einen offenen Diskurs und keinen Populismus

Auch wenn Meinungsumfragen etwas anderes suggerieren und die entschlossen handelnden Politiker sich bestätigt fühlen mögen: Wir benötigen jetzt keine wissenschaftlichen öffentlichen Abwägungen und Erklärungen, die nur diejenigen verstehen, die beruflich oder aus Interesse täglich damit zu tun haben. Wir benötigen eine offene Diskussion mit den Schwächeren in unserer Gesellschaft, die gestärkt werden, begleitet und von dort abgeholt werden müssen, wo sie stehen. Mit Worten, die sie verstehen können. Und wir müssen gerade die Älteren und Schwächeren fragen, was sie denn möchten, wie sie sich ihr Leben vorstellen oder ihr Lebensende. Das darf nicht diktiert werden von denen, die eigentlich gar nicht in erster Linie gefährdet sind. Nicht das Kind wird durch die Oma infiziert und erkrankt, sondern andersherum. Lassen wir es nicht zu, dass nur immer der gewinnt, der lauter und stärker ist, lassen wir die zu Wort kommen, die sich mit Empathie auch mit denen beschäftigen, die unsere Hilfe benötigen in guten und schlechten Zeiten. Wenn wir politisch Gemeinsamkeit einfordern, dann bitte nicht die Gemeinsamkeit des Stärkeren, sondern die von ALLEN.

zuletzt aktualisiert am: 14.04.2020

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